Interview mit Michelle Reichelt, Klimastreik Schweiz.

Der Klimastreik bestimmt nicht unmassgeblich die politische Agenda in der Schweiz. Was bringt dich dazu, das Referendum gegen das Freihandelsabkommen mit der Schweiz zu unterstützen?

Wir befinden uns in einer Krise. Wir haben noch 10 Jahre um Netto 0 Treibhausgasemissionen erreichen zu können. Ein Freihandelsabkommen, in welchem ein kleiner Schritt in Richtung Nachhaltigkeit gemacht wird und eine Verordnung zur Umsetzung der Bestimmungen für faires Palmöl in der Schweiz in Aussicht gestellt wird, ist einfach viel zu wenig. Ein Freihandelsabkommen ohne klar geregelte, verbindliche Nachhaltigkeitsverordnungen ist nicht zeitgemäss und verdeutlicht erneut, wie wenig ernst unser Bundesrat und die Parteipolitik die Klimakrise nehmen.

Welche klimatischen Auswirkungen des Palmölanbaus sind bekannt?

Über die Hälfte des weltweit produzierten Palmöls stammt aus Indonesien (30.5 Millionen Tonnen). Ein Viertel eines der artenreichsten Regenwaldgebiete der Erde musste bislang dafür weichen. Nicht nur, dass durch die Rodungen Tiere wie Orang Utan, Waldelefanten und Tiger vom Aussterben bedroht sind, durch die Brandrodungen auf Torfböden entweicht besonders viel im Boden gespeichertes Kohlendioxid und Methan in die Atmosphäre und macht Indonesien somit zu einem der grössten CO2-Emittenten weltweit. 
Damit Ölpalmen möglichst schnell wachsen, brauchen sie große Mengen an Nährstoffen, was zur einseitigen Auszehrung der Böden führt. Um die fehlenden Nährstoffe zu ersetzen, müssen vermehrt Düngemittel eingesetzt werden. Diese können über den Boden in das Grund- oder Flusswasser gelangen und dadurch das Wasser verschmutzen. Besonders bei fehlenden gesetzlichen Regelungen und Kontrollen wird das Trinkwasser so stark belastet, dass der Gebrauch zu gesundheitlichen Schäden beim Menschen führen kann.

Was sind die nächsten Etappen in der Schweiz, um die Klimakrise zu bewältigen? Welche wichtigen politischen Entscheide stehen an oder müssten ergriffen werden?

Wir brauchen einen nationalen Klimanotstand damit allen klar wird, dass wir kurz vor einer ökologischen Katastrophe stehen. Wir brauchen Netto 0 bis 2030 mit einem Absenkpfad von -13% THG-Emissionen im ersten Jahr und wir brauchen Klimagerechtigkeit. Für unseren kurzfristigen Profit und Konsum wird der Planet ausgeschlachtet und indigene Völker vertrieben. In der Schweiz sind wir von den Auswirkungen des Anbaus von Ölpalmen noch nicht direkt betroffen, was nicht heisst, dass wir nicht verantwortlich sind für das Leiden der Bevölkerung in Indonesien und den Folgen dieses Raubbaus an der Natur.
Zurzeit arbeiten wir gemeinsam mit Expert*innen und Wissenschaftler*innen an einem eigenen climate action plan (CAP), wie wir aus dieser Krise kommen könnten. Ich persönlich setze zurzeit viel Hoffnung in den strike for future am 15. Mai 2020, dass die Menschen beginnen sich in Gemeinschaften und Klimagruppen zu organisieren, sich gemeinsam informieren und einsetzten, damit wir unsere Ziele erreichen können.

Es ist notwendig, dass die Menschen begreifen, wie tiefgreifend diese Krise ist. Und dass sie nicht lösbar ist durch freiwillige nachhaltige Anreize. Dafür ist es zu spät.

Im Klimastreik ist es zurzeit ein viel diskutiertes Thema, ob wir die institutionelle Politik, wie auch Referenden und Initiativen überhaupt noch unterstützen wollen. Deshalb ist dies meine eigene Meinung und repräsentiert nicht die Meinung oder Haltung der Bewegung.