Ein Interview mit Marianne Bodenmann. Sie ist Agronomin und lebt in Pusserein (GR).

Sie verfolgen seit längerem die Palmölfrage intensiv. Was sind die aktuellen Entwicklungen in Indonesien?

Mit dem «Omnibus-Gesetzesentwurf» vom Februar 2020 will Präsident Joko Widodo die Geschäftstätigkeit in Indonesien erleichtern, um Investitionen anzuziehen, Arbeitsplätze zu schaffen und das Wirtschaftswachstum zu fördern. Umweltschützer warnen davor, dass weniger strenge Umweltverträglichkeitsprüfungen und Baugenehmigungsanforderungen zu einem nicht nachhaltigen Wachstum und zu mehr Abholzung führen.

2019 wurden viele Feuer in Regen- und Torfwäldern beobachtet, ja sogar Palmölplantagen brannten. Weiterhin ist das Ausmass der Waldbrände gross. Die Regierung hat die Bewilligungen für Palmölplantagen zwar eingefroren, aber es fehlt an Transparenz, deshalb kann die Wirksamkeit kaum beurteilt werden. Zudem ist Korruption ein Hauptproblem in Indonesien.

Sind regelmässige Verstösse gegen staatliche Verordnungen und das internationale Recht die Regel?

Weil die Landrechte der einheimischen Bevölkerung nicht festgehalten sind, wird ihnen Land oft einfach weggenommen, wenn sie sich nicht vehement wehren. Es wird ihnen Arbeit in Aussicht gestellt, doch längst nicht immer halten sich die Firmen an ihre Versprechen. Hinzu kommt, dass kritische Leute, besonders Journalist*innen, bedrängt oder gar verhaftet werden, wie im Fall von Philip Jacobson, einem preisgekrönten Redaktor der umweltwissenschaftlichen Nachrichtenagentur «Mongabay».

Wird sich durch die Nachhaltigkeitsregelungen etwas an der Situation verbessern?

Das Wort «nachhaltig» sagt wenig. Wenn Politiker von Nachhaltigkeit reden, dann höre ich «nachhaltig für Industrie und Handel». Gleichzeitig reden sie von Wachstum, was konkret in diesem Fall heisst: Wachstum der Plantagen, Abholzung von Sekundärwäldern, denn nur die Primärwälder sind geschützt. Dies umso mehr, als die Palmölmühlen nur grob zur Hälfte ausgelastet sind. Es ist naiv zu glauben, dass die indonesische Regierung und die zuständigen Behörden den Vollzug der Vorgaben bewältigen können bzw. wollen.

Was wären tatsächliche und fundamentale Verbesserungen und wie müssten diese umgesetzt werden?

Auch die Sekundär- und Torfwälder müssten geschützt werden, denn die einheimische Bevölkerung lebt bzw. lebte im Wald und veränderte ihn. Solche Wälder sind sehr artenreich und bringen Erträge wie kostbare Nüsse, Früchte, Gemüse, Kautschuk und Viehfutter.

Der heute übliche Anbau von Palmöl in Indonesien ist nicht nachhaltig. Die Palmöl-Monokulturen stören den Wasserhaushalt und zerstören den Boden. Weil die meisten Böden ausgelaugt sind, muss viel gedüngt werden. Je nach Schädlings- und Unkrautdruck werden auch Pestizide eingesetzt u.a. das in der Schweiz verbotene Paraquat von Syngenta. Abwässer aus Palmölfabriken und Abschwemmungen aus Plantagen verschmutzen das Trinkwasser der Einheimischen, die Flüsse und das Meer. Angepasste Agrarforstwirtschaftssysteme müssten entwickelt werden.
Neue wissenschaftliche Studien zeigen, dass die Abholzung der Regenwälder das Klima verändert: Die Temperaturen steigen und die Niederschläge nehmen ab, denn «Regenwald» bedeutet «Regen». Die Folge davon ist, dass die Erträge sinken, was wiederum zur Expansion der Plantagen führt, konkret zu mehr Abholzung.

Warum unterstützen Sie das Referendum?

Mich ärgert es, dass wir einzigartige Lebensräume mit einer unvorstellbaren Artenvielfalt zerstören und den dort lebenden Menschen das Wasser und die Umwelt verschmutzen. Wir ersetzen reiche Wälder durch Monokulturen, die nicht standortgerecht sind, dem Klima schaden und die Meere weiter verschmutzen.